Interview mit dem Street Art-Künstler SP38

„ … ein wenig Zwietracht in eine zu kapitalistische Welt streuen?“

Der in der Normandie geborene französische Street Art-Künstler SP38 ist der Berliner Öffentlichkeit spätestens seit seinen künstlerischen Interventionen mit Plakaten wie „WHO KILLS BERLIN“, „OP-OPTUNIST-EN-WALLS. YES/ NO MONEY, NO ART!“ oder  „VIVE LA BORGEOISIE“ bekannt. Aber auch in anderen Städten hat er international durch seine pointierte, ironische und oftmals kapitalismuskritische Plakatkunst für Aufsehen und Denkanstöße gesorgt. In deren Fokus stehen nicht zuletzt immer wieder die soziokulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen von Gentrifizierungsprozessen in Städten (z. B. Montréal: „VIVE LA CRISE“, Rangoon: „ESCAPE“, Paris/ Jerusalem: „WHERE ARE WE NOW“). Nun hat SP38 seine bisherige künstlerische Strategie der Werbekampagne einer neuen kostenlosen Berliner Internetplattform für Mietwohnungen namens Immodelfin zur Verfügung gestellt – gewissermaßen also dem direkten Gegenspieler seiner kritischen Street Art-Interventionen. Zu seiner Motivation, den Reaktionen auf sein Engagement und neuen Medien hat sich SP38 in einem schriftlichen Interview geäußert.

DKR: Seit einigen Wochen sind verstreut in vielerlei Straßen Berlin-Mittes und im Prenzlauer Berg drei  kleinformatige Plakate zu sehen, die eindeutig Ihre künstlerische Signatur tragen. Drei Plakate, drei Slogans:  „WHO KILLS THE COMMISSION“, „ESCAPE FROM IMMONEY IMMODELFIN.COM“ und „VIVE L’IMMODELFIN IMMODELFIN.COM“. Diese Plakatserie ist aus Ihrer Zusammenarbeit mit einem neuen Internetportal namens „Immodelfin“ hervorgegangen, das Mietwohnungsanbietern ermöglicht, kostenlos ihre Mietwohnungsangebote auf der Immobilienplattform zu schalten.
Worin bestand Ihre Motivation, sich künstlerisch in dieser Werbekampagne Immodelfins zu engagieren? Und welche künstlerischen Freiheiten haben Sie während der Zusammenarbeit mit Immodelfin genossen? Haben Sie den Text der Plakatslogans vorgeschlagen?

SP38: Anfangs war ich etwas skeptisch. Dann haben mich allerdings die Neugierde und die Vorstellung, etwas, was im Grunde meinen Überzeugungen entgegensteht, zu tun, gereizt. Ich habe sehr viel Freiheit bei dieser Arbeit genossen und alles verlief sehr einfach. Ich habe mehrere Slogans vorgeschlagen, die wir mit Florian (Florian Schwanhäußer, Gründer von Immodelfin, Anmerkung DKR) diskutiert und dann gemeinsam die Zwecksetzung, die Form und die Farben ausgewählt haben. Ich wollte eine Parodie auf meine eigene Arbeit machen und mich bereits „bekannter“, aber hierfür abgewandelter Slogans bedienen, ein wenig wie ein „joke“ (im Original, Anmerkung DKR). Ich finde auch, dass die Street Art sich selbst nicht zu ernst nehmen soll… dass es gut ist, sich zu repositionieren, um nachzudenken und in der Folge neue Ideen zu finden.

 

DKR: Würden Sie Ihre Plakate für die Werbekampagne Immodelfins in einer Kontinuitätslinie mit Ihren vorherigen künstlerischen Interventionen situieren, die sich auf die soziokulturellen Transformationen, die sich in Berlin-Mitte im vergangenen Jahrzehnt vollzogen haben, fokussierten?

SP38: Ja, selbst wenn das gegen meine eigentliche Vorgehensweise geht. Meine „Arbeit“ ist immer eine Spiegelung der gegenwärtigen Tendenzen. Wenn die gegenwärtige Tendenz eine „Über-Immobilisierung“ (im Original: „sur-immobilierisation“, Anmerkung DKR) ist, warum dann also nicht damit „spielen“? Und ein wenig Zwietracht in eine zu kapitalistische Welt streuen? Und sich in Frage stellen, an den Wänden…

 

DKR: Könnten Sie uns ein wenig von den Reaktionen erzählen, die Sie geerntet haben angesichts Ihrer Zusammenarbeit mit einem Internetportal aus der Immobilienbranche? Und wie antworten Sie darauf?

SP38: Während der „Kampagne“ war ich selbst nicht in Berlin, aber die ersten Reaktionen auf das erste Plakat – WHO KILLS THE COMMISSION – waren recht lustig: Um welche Commission handelt es sich? – die Europäische Kommission etwa? Es wurde auch gesagt, dass die Aktion gefährlich und verhängnisvoll für meine künstlerische Laufbahn, mein künstlerisches Dasein sein könnte und dass ich einige gute Erklärungen schuldig sei. Aber soll ich etwa meine Motivation für jedes meiner Plakate in all diesen Jahren rechtfertigen? – Das ist auch die Frage. Aber ich glaube, dass das Ziel erreicht wurde, und das die Sticker gesehen wurden und die „Öffentlichkeit“ interpelliert haben…

 

DKR: Florian Schwanhäußer, der Gründer des neuen Internetplattform, präsentiert Immodelfin vorrangig als eine internetpolitische Intervention. Herr Schwanhäußer gibt an, mit Immodelfin gegen die starke Tendenz im Netz zu kämpfen, dass Internetportalbetreiber Gebühren für das in Umlauf bringen von Informationen erheben, ohne dass die Betreiber selbst einen eigenständigen Informationsbeschaffungsaufwand im Sinne einer genuinen Dienstleitung zu der zu zirkulierenden Information beitrügen, welche sie tatsächlich lediglich weiterreichen.
Wie positionieren Sie sich hinsichtlich dieser Problematik?  Und können wir uns darauf einstellen, dass Sie sich künftig im Bereich der Internetpolitik engagieren, so dass Ihre künstlerischen Projekte neue Wege einschlagen, bei denen sich Street Art und digitale Welt kreuzen?

SP38: Ich bin nicht sehr umtriebig im Bereich neuer Medien und dem Internet. Sie sind für mich ein Mittel, um zu kommunizieren und Bilder zu verbreiten. Ich denke, dass Street Art und das Internet sehr kompatibel miteinander sind, da man sehr schnell zeigen kann, was in einer Straße in New York, Yangon oder in einem verloren Dorf in Frankreich gemacht wurde. Es ist sehr gut für die Sichtbarkeit, allerdings etwas weniger für die Glaubwürdigkeit und das Imaginäre. In der Zukunft würde ich aber gerne mehr Zugang zu den digitalen Kulturen gewinnen und darüber mehr Botschaften verbreiten.

SP38

Das Interview wurde Ende Juni 2014 schriftlich per Email geführt. Text, Fragen und Übersetzung aus dem Französischen: Dorothea K. Ritter.

 

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