2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln — Blick auf einen Kiez im Wandel

2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln — Blick auf einen Kiez im Wandel

2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln, bezahlbar, 600 Meter vom Maybachufer am Landwehrkanal, unbefristeter Mietvertrag und nur fünf Minuten Fußweg von ihrer eigenen Wohnung in Nord-Neukölln gelegen. – Mit diesen Worten trachtete eine Freundin, mich im Spätherbst 2001 zum Umzug in den Reuterkiez in Berlin-Neukölln zu bewegen. Einen Nachmieter für meine damalige kleine 1-Zimmer-Wohnung in Berlin-Mitte habe sie für mich auch schon gefunden. Nur schnell müsste ich mich entscheiden und binnen zweier Wochen die neuen vier Wände beziehen. Denn ich könnte die Wohnung unmittelbar von der Vormieterin übernehmen, sprich: Ganz ohne den üblichen Aufwand der Wohnungssuche in Berlin. Ich zögerte nicht lange. Genauer: Ich zögerte überhaupt nicht, da mir ein Tapetenwechsel gelegen kam. Und das, obwohl ich damals so gut wie nichts über Nord-Neukölln wusste. So begann für mich im Spätherbst 2001 mein Wohnen im Reuterkiez. Damals dachte ich, ich bliebe nicht lange. Inzwischen sind 14 Jahre vergangen. 14 Jahre, in denen mir meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln und mein Viertel zu einem echten Zuhause geworden sind. 14 Jahre, in denen der Reuterkiez in Nord-Neukölln immer schon pulsiert und sich radikal gewandelt hat.

2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln – Wohnen im Reuterkiez heute und damals

Meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln, das sind hohe Decken, Holzdielen, minimale Stuckreste um die Lampenfassungen an den Decken, große, zugige Fenster, ein großes Zimmer, ein kleineres, das als mein Arbeitszimmer dient, eine gemütliche Küche, ein winzig kleines Duschbad, in dem man sich kaum drehen kann und in dem die Verkabelung der Warmwasserboiler offen und geradewegs lebensgefährlich frei von den Decken hängt. Die Abstellkammer ist zur Toilette mit Waschbecken umfunktioniert. Meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln, das ist eine nach wie vor unsanierte und somit günstige Mietwohnung, von deren Sorte es heutzutage nicht mehr viele im Reuterkiez gibt.

Wohnen im Reuterkiez 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln

Blick auf das unsanierte bemalte Badfenster in meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln: schäbig, aber mit Charme. Foto: Morten Eggert.

Denn während damals, im Spätherbst 2001 noch kaum ein Hahn nach Wohnen im Reuterkiez krähte, hat sich das Blatt seit der zweiten Hälfte der 2000er Jahre radikal gewendet. Heute ist Wohnen im Reuterkiez beliebt und angesagt wie nie zuvor, und der Reuterkiez hat im Volksmund einen neuen Namen erhalten: Kreuzkölln.

Kreuzkölln, das ist ein Kunstwort, das sich aus Kreuzberg und Neukölln zusammensetzt. Mal wird es spöttelnd und kritisch, mal stolz und liebevoll verwendet. Ersteres, um die aktuelle Verdrängung von Altmietern aus ihren Wohnungen durch das sogenannte New Money, die neue Bürgerlichkeit, Hippster, Startups und Kreative zu bezeichnen. Die alten, unsanierten Wohnungen wurden vielfach aufgekauft, saniert und zu hohen Mietpreisen neuvermietet. Stolz und anerkennend wird hingegen von Kreuzkölln gesprochen, um den neuen Party- und Szenestatus des Abschnittes zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee, rund um den Reuterplatz, die Weserstraße, Hobrechtstraße und Friedelstraße zu feiern. Die Gegend rund um den Reuterplatz, das sind Bauten in typischer Gründerstilarchitektur, viele davon mit ehemaligen Fabrik- und Gewerbehinterhöfen. Heute befinden sich Galerien, Designerläden, Psychotherapie- und Grinberg-Praxen, Kinderläden, Startups, Büros, Restaurants, Feinkostgeschäfte, Cafés und Bars in den Erdgeschossen der Häuser.

Kreuzkölln im Überblick. Umgebungskarte meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln im Reuterkiez.

In meinem unmittelbaren Umfeld sind diese Veränderungen direkt greifbar: Im Nachbarhaus ist jetzt ein Babybekleidungsgeschäft angesiedelt, wo früher ein afrikanischer Kulturverein sein Zuhause hatte. Das neue Geschäft, namens Kurz & Klein bietet unter anderem ökölogisch und fair produzierte „Anziehsachen“, Schlafsäcke und Spielzeug aus hochwertiger Qualität für betuchte Eltern, neben PEKIP-, Shiatsu- und Baby-Massage-Kursen für Babys an. Und auf dem Gehweg vor meinem Haus reiht sich ein flottes Formel-1-Kinderwagenmodell neben dem anderen, während Mütter und Väter Latte Macchiato schlürfen. Im Eckflügel des Hauses hat die hoch frequentierte Pizzeria Pizza a pezzi Einzug gehalten, deren große Pizzaauswahl auch vegane Angebote umfasst. Inzwischen sind viele der Wohnungen in meinem Haus in Eigentumswohnungen verwandelt worden, während die anderen fast alle grundsaniert und von neuen Mietern bezogen wurden. Therapeuten, Journalisten, Pressesprecher, Bundesministeriumsangestellte im gehobenen Dienst und ein Pilot zählen jetzt zu den Nachbarn in meiner Straße. Im Hinterhof meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln stehen nunmehr gesonderte Stellplätze für Kinderwagen zur Verfügung. Von den Altmietern sind im Haus hingegen nur noch wenige übrig.

Das war damals, als ich nach Nord-Neukölln zog noch ganz anders: Meine Nachbarschaft bildete eine Mischung aus alteingesessenen Neuköllnern, Migranten und wenig betuchten Akademikern. Von den Gewerben in meiner Straße hält einzig bis heute eine palästinensische Arztpraxis tapfer die Stellung. In den Räumlichkeiten der heutigen Pizzeria befand sich bei meinem Einzug noch ein Männercafé namens Café Sonne. Die Betreiber des Männerkaffees hatten die Sichtschutzscheibe des Toilettenfensters sichtlich unwissend verkehrt herum eingesetzt. Und so bekam ich in den Folgejahren beim Blick aus meinem Küchenfenster den ein oder anderen unfreiwilligen Einblick in das Treiben auf seinen Örtlichkeiten. Diese schienen der Ort der Wahl des Männercafé zu sein, um schnell ein paar Linien Koks zu ziehen oder regelmäßig Personen zu vermöbeln.

Als ich vor 14 Jahren meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln bezog, bekamen Freunde, die sich auch in der Gegend niederließen, noch oftmals aus ihren Bekannten- und Verwandtenkreisen die typischen Ausrufe „Problemviertel“, „sozialer Brennpunkt“, „Gewalt“ und „Wie kannst Du dort nur hinziehen?!“, zu hören. Ich selbst habe das nicht zu hören bekommen. Überhaupt hatte ich mir damals kaum Gedanken gemacht, wo ich dort eigentlich hinzog. Ich war eher gänzlich unwissend ob meines neuen Kiezes. Allerdings merkte ich sehr bald, dass Nordneukölln ein raues Pflaster war. Wenn ich zu Penny am Kottbusser Damm einkaufen ging, war die Armut deutlich spürbar beim Blick in die Einkaufskörbe, die oft nur Dosennahrung und das Allernotwendigste enthielten, und deren Träger oftmals in zerschlissener und gerade im Winter kaum temperaturgerechter Kleidung unterwegs waren. Die Penny-Kassiererin kommentierte derartige Einkäufe regelmäßig gnadenlos mit: „Und wieder eine Ladung Dosenfutter auf meinem Band!“, wobei sie mir, der höheren Bürgerstochter, gerne einen verschwörerischen Blick zuwarf. Dabei schien sie, hartnäckig nicht zu merken, dass sie mit ihrem bloßstellenden Verhalten nicht mehr als Verachtung von mir erntete. Ich verschlang damals Marx und hatte den Eindruck, noch nie soviel über die Welt – im Besonderen die in meinem Reuterkiez – verstanden zu haben, wie dank dieser Lektüre. Wohnen im Reuterkiez, das hieß damals auch, tagtäglich an Vormittagen zu Schulzeiten Kindern und Jugendlichen auf der Straße zu begegnen, die nicht in die Schule gingen, sondern die in kleinen Gruppen auf dem Reuterplatz saßen oder durch die Straßen zogen.

Wohnungssuche im Reuterkiez in Berlin-Neukölln heute

Ein Umzug nach Nord-Neukölln löst heutzutage wohl kaum mehr derartige Aufschreie des Entsetzens aus. – Im Gegenteil und wie bereits gesagt: Wohnen im Reuterkiez ist gegenwärtig beliebt und angesagt wie nie zuvor. In meinem Bekanntenkreis erlebe ich persönlich mit, wie schwer die erfolgreiche Wohnungssuche in Nord-Neukölln alias Kreuzkölln inzwischen ist. Meine Cousine und ihr Mann erlebten nicht nur wiederholt, ellenlange Wohnungsbesichtigungsschlagen mit an die 60 Wohnungsinteressenten. Vielmehr haben sie auch die Erfahrung gemacht, dass das kleinere Portemonnaie regelmäßig den Kürzeren zieht gegenüber finanziellen Schwergewichten im Ringen um einen Mietvertrag. Kurz: Wer nur wenig oder kein Geld hat, zieht den Kürzeren.

Vor einigen Tagen erst hörte ich von einem anderen Bekannten, der in den vergangenen Jahren die Karriereleiter emporgeschnellt ist, folgende Geschichte: Bei der Wohnungsbesichtigung einer recht bescheidenen 1-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln, bot ihm der Makler mit einem Mal eine Reihe anderer wunderschön sanierter, größerer und unbefristeter Mietwohnungen in Kreuzkölln an. Während mein Bekannter die bescheidene 1-Zimmer-Wohnung über eine typische Wohnungsanzeige im Internet aufgetan hatte, stellte sich nun heraus, dass die ihm jetzt angebotenen Prachtstücke gar nicht in Wohnungsmarktportalen inseriert werden. Die exklusiven Wohnungsangebote erhielt mein Bekannter allerdings erst, nachdem der Makler einen Blick auf seine Gehaltsauszüge geworfen hatte. Bei einer normalen Wohnungssuche über ein Wohnungsportal im Internet hätte er möglicherweise lange suchen müssen.

Wohnen im Reuterkiez heute — Zwischen Bioladen und Buchköniginnen

Wohnen im Reuterkiez heute, heißt ein Bad in einem babylonischen Sprachenwirrwarr von Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch zu leben, sobald ich meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln verlasse und auf die Straße trete. Der nahe meiner Wohnung gelegene Reuterplatz – nicht zu verwechseln mit dem Ernst-Reuter-Platz – ist jetzt zu einer Liege- und Spielwiese geworden. Dort treffen sich an den Nachmittagen jung-bürgerliche Familien auf dem Spielplatz oder zum Picknick auf der Wiese, tragen Hippster ihr langen Vollbärte und Tattoos zur Schaum, während sie ein Selfie nach dem anderen von sich und ihrer Begleitung schießen, sonnenbadende Studenten in ihre Bücher vertieft. Die meisten der Hundehalter und Hundehalterinnen führen kleine Plastiktütchen mit sich, um die Haufen ihrer Vierbeiner augenblicklich zu beseitigen. Der Tritt ins Glück ist aber trotzdem nicht gänzlich ausgeschlossen. Auch das war früher anders: Da war der Reuterplatz an erster Stelle Hundeauslaufgebiet für Pitt Bull Terrier und andere Kampfhunderassen samt ihrer alkoholisiert hinterher schwankenden Herrchen und Frauchen.

Nur einen Katzensprung von meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln entfernt hat an der Ecke Hobrechtstraße/ Weserstraße der Bioladen namens Biosphäre vor einigen Jahren eröffnet. Mit seinem Zwei-Preise-System antwortet er auf das soziale Gefälle zwischen einkommensschwachen und den neuzugezogenen einkommensstarken Neuköllnern: Denn in der Biosphäre zahlen Geringverdiener einen reduzierten Preis auf die Bioprodukte. Damit ist das neue Bioangebot vor Ort nicht nur Symbol einer exklusiven Veränderung des Viertels zugunsten der Neuzugezogenen. Mit meinen Plastiktüten vom türkischen Supermarkt Yeni Bolu auf dem Kottbusser Damm traue ich mich dort natürlich nicht rein. Von daher ist die Reihenfolge meines Einkaufsganges immer: Erst Biosphäre, dann Yeni Bolu.

In direkter Nachbarschaft zum Bioladen in der Hobrechtstraße, befinden sich seit einigen Jahren die Buchköniginnen oder genauer: der Buchladen „Die Buchkönigin“. Eine der Inhaberinnen kenne ich aus dem entfernten Bekanntenkreis persönlich und war eines Tages hochüberrascht, sie hinter dem Ladentisch anzutreffen. Für mich ist dieser Buchladen eine stete Inspiration und verführt mich zu stundenlangem Stöbern: Sei es, dass ich in neuer Sachliteratur aus Politik und Gesellschaftstheorie oder in der neuesten Gegenwartsprosa oder in Kinderbüchern blättere. Die Buchköniginnen sind übrigens einer der wenigen Orte, die Juliane Beers neuköllnkritische Romane vertreiben, eine Mischung aus scharfsinniger Analyse und humoristischem Klamauk. Sehr empfehlenswert der Titel „Zu viel Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen“.

Wohnen im Reuterkiez heute – zwischen Touristenströmen, Jazz und Rauchschwaden

Wohnen im Reuterkiez heute, das bedeutet auch, dass des Nachts Horden an Touristen durch die Straßen strömen, die in den unzähligen neuen Kneipen und en mehr oder minder legalen Clubs in der Weserstraße und Umgebung die Nacht zum Tag machen – ohne Rücksicht auf Verluste und zum Leidwesen so mancher Anwohner. Das war vor 14 Jahren, als ich in meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln zog noch ganz anders: Damals gab es in dem Areal rund um meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln noch keine breite Barlandschaft, sondern nur die eine oder andere Eckspelunke, die bereits zum Frühshoppen öffnete. Restaurants gab es auch noch keine. Das ist heute ganz anders. Angesichts des Lärmpegels der umtriebigen Bar- und Partyszene hat sich in meiner Nachbarschaft inzwischen eine AnwohnerInnen-Initiative namens Weserstraße Reuterkiez gegründet. Diese versucht, mit Unterstützung des Quartiersbüros Reuterplatz aus der Hobrechtstraße den Wandel des Reuterkiezes in den Szene-Kiez Kreuzkölln anwohnerverträglich zu gestalten, indem sie nicht zuletzt auf die Einhaltung der nächtlichen Ruhezeiten drängt.

Im Unterschied zu den Partytouristenströmen ist für mich die neu eröffnete Thelonious Bar in der Weserstraße ein wahrer Lichtblick und zu einer meiner neuen Lieblingsbars avanciert. Nicht nur ist die Thelonious Bar nur 200 Meter von der Haustür meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln entfernt. Vielmehr ist sie gezielt persönlich und nicht-touristisch angelegt. Die Thelonious Bar ist nach dem Jazzmusiker Thelonious Monk benannt, Jazzmusik ist entsprechend ihr Programm und Ambiente. Für mich besteht der ganze Charme der Bar in ihrem ellenlangen Tresen, der sich von einer Seite des Raumes zur anderen zieht. Am Tresen lässt sich herrlich lungern und das Bartreiben beobachten, während man an den vorgefrosteten, mit Sinnen betörenden Single Malts und japanischem Whisky gefüllten Kristallgläsern nippt. Das Ganze hat eine verrucht-schicke Atmosphäre, fast weht mit der Thelonious Bar ein bisschen New Yorker Flair nach Nordneukölln hinein.

Wohnen im Reuterkiez - Die Thelonious in der Weserstraße in Berlin-Neukölln

Der ellenlange Tresen der Thelonious Bar in der Weserstraße ist nur wenige 100 Meter von meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln entfernt. Jazz, Kristallgläser, Single Malts und japanische Whiskys sind das Markenzeichen der Bar. Die Bar trägt ein bisschen New Yorker Flair nach Nord-Neukölln. Mit freundlicher Genehmigung der Verwendung des Fotos von und alle Rechte am Bild: Laura Maria Marsueschke.

Am liebsten gehe ich aber offen gestanden doch nach wie vor ins Schilling, die Eckkneipe an der Straßenkreuzung Reuterstraße/ Weserstraße. Da ist das Publikum noch gemischt aus alteingesessenen Stammgästen, Intellektuellen, Studenten und nur wenigen Touristen. Die Preise sind auch noch bezahlbar. Mein Lieblingsbarmann ist Johannes, mit dem ich bei der Übertragung großer Fussballereignisse zusammen fiebere und wunderbar fachsimpele sowie hier und da ein Gläschen kippe, wenn ein Tor für die favorisierte Mannschaft fällt. Je nach Barkeeper läuft dort auch grandiose Musik. Im Winter wünschte ich hier allerdings, beizeiten mit einer Sauerstoffmaske ausgestattet zu sein: Denn bereits beim Betreten des Schilling ließe sich die dicke blau-graue-Rauschwadenluft mit einem Schwert durchschneiden. Nicht dran zu denken, die Kleidung dann noch am nächsten Tag zu tragen. Überhaupt ist Kreuzkölln ein Paradies für Raucher, da fast jede Bar eine Raucherkneipe ist.

Wohnen im Reuterkiez — Buntes Neukölln: Zwischen Maybachufer, Kottbusser Damm und Programmkino

Wohnen im Reuterkiez ist natürlich aber viel mehr als Party- und Szene-Leben. Wohnen im Reuterkiez, das heißt vielmehr, ständig in eine bunte Vielfalt unterschiedlichster Lebenswelten eintauchen zu können. Nur sieben Minuten Fußweg von meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln ist der sogenannte Türkenmarkt am Maybachufer gelegen. Für mich ist er über all die Jahre hinweg bis heute eine wunderbare Einkaufs- und Flanierzeile mit seinen vielen farbenfrohen Obst-, Gemüse-, Fisch- und Gewürzständen, Ständen mit türkischem Gebäck, Blumen- und Stoffverkäufern. Ich liebe es, an einem der Markttage, dienstags oder freitags, in das bunte Markttreiben einzutauchen und jedes Mal für einen Augenblick das Gefühl zu genießen, in einem anderen Land verreist zu sein ob der fremden Düfte und des Sprachwirrwarrs. Nach meinen Marktbesuchen schlendere ich gerne mit Einkaufstüten behangen den Kottbusser Damm herunter, um in dem Sushi-Imbiss Musashi halt zu machen. Früher bestand der Sushi-Imbiss nur aus einem klitzekleinen Raum mit allerhöchstens Platz für 15 Gäste. Damals war er leicht zu verfehlen, so unsichtbar lag er da auf dem Kottbusser Damm. Und damals verfiel ich regelmäßig aufs Neue der Phantasie, gerade Statistin in einem Wong Kar-Wai-Film mit seinen opulenten Bildern zu sein. Heutzutage ist der Sushi-Imbiss aufgemotzt mit Leuchtschriftreklame und nicht mehr zu übersehen: Bänke, Tische und Stühle stehen vor dem Imbiss auf dem dem Gehweg des Kottbusser Damms, die stets von Gästen zahlreich belegt sind.

Auch sonst lässt es sich herrlich auf dem Kottbusser Damm entlang schlendern zwischen Baklava (ein türkisches zucker- und fetttriefendes Gebäck)-Bäckereien und den vielen türkischen Modeläden mit strassfunkelndem Modeschmuck, Lederimitattaschen, massenweise billiger Kleidung, die Verschnitte aus hochentflammbaren Materialien der neuesten Trends sind und deren Halbwertzeit oftmals kaum eine Saison beträgt. Früher shoppte ich hier oft hemmungslos. Das brachte mir nicht nur mehr als einen Kommentar meines Schwagers über meinen neuen Neuköllner Tussischick ein, sondern ließ auch meinen Kleiderschrank in meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln aus allen Nähten platzen — ebenso wie mein schlechtes Gewissen ob der vermuteten Produktionsbedingungen meiner Kleidungstrophäen. Heute stehen die türkischen Modeläden im krassen Kontrast zu den vielen kleinen Modelabels und –boutiquen, die in den Nebenstraßen zum Kottbusser Damm in Kreuzkölln eröffnet haben und die mit hochwertiger Mode für ein exklusives Klientel mit gut gefülltem Portemonnaie aufwarten.

Eine meiner großen Entdeckungen und regelmäßigen Anlaufpunkte im Winter ist nach wie vor das Stadtbad Neukölln in der Ganghoferstraße, nahe dem Rathaus Neukölln gelegen, mit seiner wunderschönen, antiken Thermenanlagen nachempfundenen Architektur mit Wandelgängen und Säulen. Die kleine Halle des Bades ist stets bis 22 Uhr geöffnet, was mir entgegen kommt. Dort wähne ich mich regelmäßig in Gesellschaft von Herren und Damen eines vorangeschrittenen Alters, die wohl, genauso wie ich, nur die Abende für ihren Schwimmausgang wählen, an denen das Stadtbad Neukölln nicht das berüchtigte Nacktbaden in der kleinen Halle anbietet. Mir sind jene (vielen) Taucher an den Nacktbadeabenden suspekt, die sich – so unterstelle ich böswillig – mit ihren Taucherbrillen die Leute begucken. Im Sommer fahre ich von meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln aus mit dem Rad quer durch den vor Grün, Wiesen und Bäumen strotzenden Volkspark Hasenheide zum Sommerbad Neukölln rüber. Im Volkspark Hasenheide gibt es etliche Liegewiesen, einen kleinen Zoo, in dem meine Nichten und Neffen sich am liebsten die Trampeltiere anschauen und danach auf dem großen Abenteuerspielplatz in der Mitte des Parks toben.

Meinen russischstämmigen Schuster Konstantin Davydov in der Sonnenallee habe ich fest in mein Herz geschlossen, da er mir noch jeden heißgeliebten Schuh bis heute gerettet hat. Ebenso bin ich meiner Änderungsschneiderin, schräg gegenüber von meiner 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln treu, die ebenfalls mein Herz im Sturm eroberte. Ihr gegenüber schäme ich mich nicht, dass ich noch nicht einmal einen Knopf annähen kann. Sie nimmt es stets mit einem milde-amüsierten Lächeln hin und vereinnahmt mich im Gegenzug für den einen oder anderen langanhaltenden Plausch. Ein regelmäßiger Versorgungspunkt ist und bleibt für mich meine türkische 24-Stunden-Bäckerei auf der Sonnenallee. Während mich zu Beginn der wirklich allen Gebäckarten der Bäckerei anhaftende Geschmack von ranziger Butter irritiert hatte, ist dieser inzwischen für mich der Inbegriff von einem wohligen Geborgenheitsgefühl in meinem Kiez. Schließlich genieße ich aus vollen Zügen die reiche Kinolandschaft in Nord-Neukölln: Das Rollberg Kino an der Boddinstraße, das Neue Off in der Hermannstraße und das etwas entfernter gelegene FSK-Kino am Oranienplatz – alle wundervolle Programmkinos mit Filmen in Original mit Untertitel.

2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln – Was bleibt und was kommt

Schon wird gemunkelt, dass das letzte Stündlein der Barszene und Kreativlandschaft aus Galerien, alternativen Projekten und Boutiquen in Nordneukölln bald schlagen wird. Denn die Mieten sind inzwischen derart im Anstieg begriffen, dass sie sie sich bald nicht mehr leisten können. So berichtete mir gerade erst neulich ein befreundetes Künstlerpärchen, das eine kleine Galerie in der Nachbarschaft unterhält, dass ihr Vermieter erneut eine Mieterhöhung angekündigt hat. Die Neumiete werden sie dann nicht mehr stemmen können und suchen bereits schweren Herzens andernorts nach geeigneten neuen Räumlichkeiten. Wohnen im Reuterkiez wird vermutlich bald wieder etwas anderes bedeuten als heute. Wie ein Fels in der Brandung ist da hingegen mein langjähriger türkischer Friseurladen Pury Style auf dem Kottbusser Damm, den ich niemals mehr missen möchte. Ich kenne jeden einzelnen der Friseure und Friseurinnen dort inzwischen, ihre kleinen und großen Freuden und Dramen und sie die meinen. Jedes Mal, wenn ich den Friseursalon betrete, genieße ich unsere türkisch-deutsche Plauderei, den heißen türkischen Tee, der mir immer als erstes serviert wird, das gemeinsame Lachen und die Bereitschaft meines Friseurs Jussef, jedes Mal auf meine noch so detaillierten Frisurwünsche einzugehen. Noch wurde meine 2-Zimmer-Wohnung in Berlin-Neukölln nicht saniert, die Miete bleibt bezahlbar und ich hoffe, dass das noch lange so bleibt. Denn Wohnen im Reuterkiez heißt für mich Zuhause in meiner Stadt sein, am Maybachufer am Landwehrkanal.

Eine Liste mit meinen persönlichen Favoriten in Nordneukölln:

  • Der Volkspark Hasenheide,
  • das Maybachufer am Landwehrkanal,
  • das Stadtbad Neukölln,
  • der Buchladen „Die Buchkönigin“ in der Hobrechtstraße,
  • die Biosphäre in der Weserstraße,
  • Rollberg Kino,
  • die Schilling Bar,
  • der Türkenmarkt am Maybachufer.

Zur Wohnungssuche geht es hier: www.immodelfin.com